Wie Retter retten: Austern-Taktik beim Verkehrsunfall

Wie verunfallte Personen schonend durch den Kofferraum gerettet werden können, lernten die Kameradinnen und Kameraden beim Übungsnachmittag zusammen mit der Feuerwehr Hanstedt. Schwerpunkt: Rettung und Betreuung von Insassen in seitlich und auf dem Kopf liegenden Fahrzeugen.

pw. HANSTEDT (SG). Zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Hanstedt wurde bei einem Übungsnachmittag die Rettung von verunfallten Personen nach einem Verkehrsunfall trainiert. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Kommunikation zwischen den benachbarten Feuerwehren, der Rettung aus komplizierten Fahrzeugpositionen sowie der Betreuung der verunfallten Personen.

Florian Hartner, Gruppenführer aus der Ortswehr Jesteburg, unterrichtete die Teilnehmer in einer kurzen Präsentation über die folgenden Einsatzlagen. Dabei wurden die Teilnehmer gedanklich auf die folgenden Situationen eingestimmt und das Vorgehen bei diesen Lagen strukturiert.

Auf einem Betriebshof im Hanstedter Gewerbegebiet ging es dann an die Praxis: Durch die geografische Nähe wurden die Einsatzstellen durch die Feuerwehr Hanstedt zuerst angefahren, der Jesteburger Rüstwagen folgte kurze Zeit später zur Unterstützung mit hydraulischem Rettungsgerät und personeller Assistenz. Zwischendurch gab es immer wieder kurze Pausen, um mit allen Teilnehmern das Geschehene und Folgende zu besprechen. So konnten Fragen direkt geklärt und der Lernerfolg hoch gehalten werden. Lesen Sie nachfolgend, wie bei der Rettung im Detail vorgegangen wurde […]

PKW auf Dach: Die Rettung mit der Austern-Taktik

Sicherung des Fahrzeuges durch Leiterteile

Sicherung des Fahrzeuges durch Leiterteile

Ein auf dem Dach liegender Ford stellte die erste Einsatzlage dar. Auf dem Beifahrersitz hing eine Person im Gurt, welche umgehend aus dieser Situation befreit werden musste. Schon nach wenigen Minuten tritt ansonsten das sog. Hängetrauma ein.

Nach erster Sichtung durch die Hanstedter Feuerwehr wurden umgehend Befehle an die Jesteburger Besatzung gegeben. Das Fahrzeug wurde mithilfe von Holzkeilen stabilisiert und eine Abstützung aus Leiterteilen an den hinteren Rädern befestigt. Diese dient im Notfall der Stabilisierung des Fahrzeuges, sofern die technische Rettung kurzfristig verändert werden muss.

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Patient wird auf dem Rettungsbrett abgelegt und so aus dem Gurt gehoben.

Patient wird auf dem Rettungsbrett abgelegt und so aus dem Gurt gehoben.

Nachdem die Fahrertür entfernt wurde, konnte sich ein erster Eindruck vom Patienten verschafft werden. Dieser hing kopfüber im Gurt und war ansprechbar, weshalb eine schonende Rettung eingeleitet wurde. Mithilfe von Pallhölzern wurde der Patient untermauert und auf einem Rettungsbrett abgelegt. Durch ein Hebekissen, welches mit Druckluft aufgepumpt werden kann, wurden die letzten Zentimeter überbrückt. Nach Durchtrennung des Gurtes wurde dann der Patient auf dem Brett abgelegt. Hierdurch kann bei schnellem Einsatz ein Hängetrauma vermieden werden.

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Die Rettungszylinder drücken das Fahrzeug außeinander.

Die Rettungszylinder drücken das Fahrzeug auseinander.

Parallel zu den Rettungsarbeiten im Inneren wurden bereits die Seiten- und Heckscheiben entfernt, sowie die hydraulischen Rettungszylinder in das Fahrzeug eingebracht. Mit einer hydraulischen Rettungsschere wurden die B- und C-Holme durchtrennt und durch die hydraulischen Rettungszylinder auseinander gedrückt. Ähnlich wie beim Aufbrechen einer Auster wurde dann das Fahrzeug geöffnet. Die Leiterteile an den hinteren Rädern wurden stetig nachgeführt und belastet, um eine zusätzliche Sicherung zu schaffen. 

Der Patient konnte dann rückwärtig durch das Fahrzeug entnommen werden.

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PKW auf Seite: Eine Person hing im Gurt

Stabilisierung des Fahrzeuges mithilfe von Leiterteilen

Stabilisierung des Fahrzeuges mithilfe von Leiterteilen

An der Einsatzstelle fanden die Kameradinnen und Kameraden einen auf der Seite liegenden Opel Corsa vor, in welchem auf der Fahrerseite eine Person im Gurt hing. Außerdem waren die Füße eingeklemmt, weshalb später die Pedale entfern werden mussten.

Während die Hanstedter Wehr die Einsatzstelle sowie den Patienten sichteten, wurden erste Einsatzbefehle an die Jesteburger Besatzung gegeben. Umgehend wurde mit Pallhölzern und Holzkeilen das Fahrzeug stabilisiert und mit Leiterteilen gegen das Umstürzen gesichert. Durch die entfernte Heckscheibe wurde eine erste Öffnung geschaffen, um den Patienten zu versorgen. Da der Patient stabil ist (den Umständen entsprechende gute Vitalfunktionen), wird eine schonende Rettung eingeleitet. Hierbei musste der Patient schnellstmöglich aus der hängenden Position im Gurt befreit werden, da ansonsten ein sog. Hängetrauma eintreten könnte. Mithilfe von Pallhölzern wurde der Patient im Fahrzeug untermauert und auf einem Rettungsbrett gestützt. Der Gurt wurde durchtrennt und der Patient auf dem Brett abgelegt.

Fahrer wurde durch Rettungsbrett gestützt

Fahrer wird durch Rettungsbrett gestützt

Parallel zu den Rettungsarbeiten innerhalb des Fahrzeuges, wurde die technische Rettung im Außenbereich eingeleitet. Dabei wurden die Kräfte im Inneren über die aktuellen Maßnahmen informiert, um den Patienten schützen zu können. Die Frontscheibe wurde durchtrennt und die A-, B- und C-Holme der oberen Fahrzeugseite durchtrennt. Danach folgten die A- und C-Holme der unteren Fahrzeugseite. Mit mehreren Feuerwehrkräften wurde dann das Dach behutsam nach unten abgeklappt.

Der Patient konnte dann sehr schonend dem Rettungsdienst übergeben werden.

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Fazit: Anspruchsvolle Rettung für anspruchsvolle Einsatzlagen

Beide Einsatzlagen erfordern ein Höchstmaß an Ausbildung und technischem Gerät – bieten durch ihre Vorgehensweisen allerdings auch eine sehr schonende Rettung, welche bei bestimmten Einsatzlagen erforderlich sein kann.

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Einsätze, Fotos, Übung und verschlagwortet mit , , , , , von Philipp Wolf. Permanenter Link zum Eintrag. Veröffentlicht am 2. Juli 2015.

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